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Wenn Figuren machen was sie wollen...

  • Autorenbild: Johanna Winter
    Johanna Winter
  • 23. Juni 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Fidelia übernimmt das Kommando: Sie sitzt frech am Schreibtisch und schreibt die Geschichte einfach selbst, ganz ohne Rücksprache mit der Autorin.

Warum ich beim schreiben nie alleine bin


Fidelia ist eigentlich meine Hauptfigur, aber manchmal fühlt es sich eher so an, als wäre ich ihre Nebenfigur. Sie plappert mir dazwischen, hat andere Ideen als ich und ehrlich gesagt, hat sie oft Recht. Beim Schreiben von Kinderbüchern habe ich ziemlich schnell gemerkt: Figuren halten sich nicht an Pläne. Sie machen ihr eigenes Ding, manchmal mitten in einem Satz. Und das Beste daran ist, es wird meistens besser, als ich es je geplant hätte. Fidelia, zum Beispiel, entscheidet oft schneller, als ich überhaupt blinzeln kann.



Wenn geplante Szenen nicht funktionieren


Da habe ich monatelang geplant und überlegt, wie sich ein Kapitel entwickeln soll, und dann stolpere ich beim Schreiben über einen Satz, der plötzlich alles umwirft. Zum Beispiel, wollte Fidelia eigentlich gerade los, um Amara zu besuchen.

Ich hatte schon alles schön vorbereitet: ein bisschen Hexenglanz, ein halbwegs logischer Plan und sogar ein Satz von Fidelia, der fast geordnet klang. Doch alles kommt anders, wenn Figuren machen was sie wollen und dann: Klopf, klopf, steht einfach so Amara vor der Tür.

Mit Gummistiefeln, wildem Sonnenhut, einer Hand voll frischen Kräutern und diesem „Ich bin zufällig hier, aber eigentlich weiß ich mehr als du“ -Blick.

Und Fidelia? Sie hat mich angeschaut, gezwinkert und gesagt: „Tja, das war wohl nix mit deiner Szene.“



Die Figur weiss mehr als ich


Ich schreibe und Fidelia scheint schon zu wissen, wie die Szene ausgeht. Das klingt verrückt, aber es ist wahr: Wenn ich ihr zuhöre, wird die Geschichte besser.



Wenn Figuren machen was sie wollen


Kinder spüren, wenn etwas echt ist, denn wenn Fidelia plötzlich so redet, wie ich es nie geplant hatte, dann ist das oft genau der Ton, den Kinder lieben. Nicht perfekt, aber ehrlich. Nicht geplant, aber lebendig.



Das Chaos ist oft der Schlüssel


Wenn ich mich traue, die Kontrolle abzugeben und wenn die Figuren machen was sie wollen wird die Geschichte mutiger, überraschender und wilder. Und ja, manchmal denke ich: 'Das hätte ich mich nie getraut zu schreiben.' Aber Fidelia schon, oder sogar noch besser, Florin.



Und was sagt mein kleiner Lektor dazu?


Einer meiner Lieblingssätze entstand übrigens ganz spontan,  wäre aber fast wieder rausgeflogen.

Florin kommt atemlos im Stelzenhaus an und ruft:

„Ich dachte, es wäre etwas Schlimmes passiert! Ich habe fast meine Küche abgefackelt!“

Ich war mir unsicher, doch mein Sohn lachte so laut, dass ans Streichen nicht zu denken war und er meinte natürlich: „Mama, der muss drinbleiben!“

Also blieb der Satz so stehen.


Und jedes Mal, wenn ich denke, ich hätte die Geschichte im Griff, flüstert mir Fidelia wieder etwas anderes ins Ohr.

Gut so.

 
 
 

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